Bei der Spitzkoppe und im Etosha

04.02.2011 22:03 von Patrick (Kommentare: 1)

Heute müssen wir uns definitiv von Swakopmund verabschieden, wenn wir irgendwann noch nach Botswana kommen wollen. Voll ausgerüstet und mit den neuen Reifen fahren wir durch ein heftiges Gewitter bis zur Spitzkoppe, die aus der Ferne stark an das heimische Matterhorn erinnert, wenn auch in deutlich kleinerer Ausführung. Rund um die Spitzkoppe liegen weit verstreut ein paar Stellplätze zum Campieren, die von der lokalen Community betrieben werden. Wie so oft zu dieser Jahreszeit ist kaum ein Tourist zu sehen. Direkt an den runden Gesteinsformationen finden wir einen tollen Platz mit herrlichem Blick auf die Spitzkoppe in der Abendsonne. Wir lassen erst mal alles stehen und klettern so lange in den Felsen herum, bis es dämmert und wir gerade noch Zeit haben, ein leckeres Abendessen über dem Feuer zuzubereiten.

 

Am nächsten Morgen ist Daniela mit der aufgehenden Sonne schon aktiv und hüpft über die Felsen, immer auf der Suche nach dem noch besseren Motiv. Ich dagegen bleibe noch etwas liegen, die volle Breite unseres Dachbetts auskostend, denn wir haben heute eine ziemlich weite Strecke zu vor uns. Über grösstenteils geteerte Strassen fahren wir hoch in den Norden bis kurz vor den Etosha Nationalpark. Wir quartieren uns auf einem kleinen Camping ausserhalb des Parks ein, um die Parkgebühren für diesen Tag zu sparen und sind auch hier wieder die einzigen Gäste. Wir haben Zeit um Scrabble zu spielen, Tagebuch zu schreiben und Fotos zu sortieren. Weil wir tags darauf früh aufstehen wollen, damit wir rechtzeitig zum Sonnenaufgang am Eingang zum Etosha eintreffen, zerreissen wir heute keine Stricke mehr und gehen früh zu Bett. Beim Einschlafen stellen wir uns vor, welche Tiere uns im Park wohl begegnen werden und träumen von den Löwen, Elefanten und Zebras.

 

Kurz nach Sonnenaufgang fahren wir im berühmtesten Nationalpark Namibias ein. Viele Reisende und Einheimische haben uns vor Enttäuschungen gewarnt, da man in der Regenzeit wegen dem hochgewachsenen Gras die Tiere nur schlecht sehen kann. Ausserdem sind sie über die gesamte Fläche des Parks verteilt, weil es überall genügend Wasser zur Verfügung hat und sich Jäger und Beute deshalb nicht gezwungenermassen am Wasserloch treffen. Dafür ist es aber umso spannender, weil man sich deutlich mehr anstrengen muss und häppchenweise mit einer Sichtung belohnt wird. Darüber hinaus sind um diese Jahreszeit auch viele Jungtiere unterwegs.

 

Wir haben für eine Nacht in Halili gebucht, ein Camp in der Mitte des Parks. Auf dem Weg dorthin versuchen wir möglichst jede kleine Abzweigung von der Hauptstrasse mitzunehmen und werden schon bald mit Springböcken, Oryx-Antilopen und Gnus belohnt. Aus der Ferne entdecken wir sogar eines der scheuen Nashörner, für ein gutes Foto ist es aber zu weit entfernt und bewegt sich von uns weg. An der nächsten Querstrasse, die allerdings einige Kilometer entfernt ist, hoffen wir ihm den Weg abschneiden zu können und halten am Strassenrand und warten einfach. Das Nashorn taucht zwar entgegen meinen Voraussagen nicht auf (die Daniela sowieso völlig utopisch fand), dafür kommt aber direkt neben uns eine afrikanische Wildkatze aus dem Busch hervor. Bald tauchen auch die erste Giraffen auf und zwischen den Büschen sehen wir unseren ersten Elefanten in Afrika, der sich in einer kleinen Pfütze stehend mit Schlamm bespritzt.

 

Nach sieben Stunden Gamedrive gönnen wir uns im Camp Halili eine Pause und kühlen uns erst mal im Pool ab. Um fünf Uhr Nachmittags beginnen wir schon zu grillieren, so dass wir eine Stunde später nochmals zu einer Sonnenuntergangsfahrt aufbrechen können. Bei Sonnenuntergang wird das Gate geschlossen, deshalb legen wir uns eine Route zurecht, die wir in gut anderthalb Stunden bewältigen können. Aber schon nach der ersten Abzweigung steht direkt vor uns eine Giraffe auf der Piste und macht keine Anstalten, sich zu verdrücken. Wir können sie eine ganze Weile beobachten und in der Abendsonne fotografieren. Nach einer grossen Schlaufe entdecken wir dann gleich zwei Nashörner vor uns, die sich uns gleich zuwenden und uns aufmerksam beobachten. Erst als wir probehalber noch etwas näher kommen, flüchten sie in die Büsche. Wir begegnen übrigens keinem Fahrzeug, überhaupt sehen wir während den zwei Tagen im Etosha insgesamt etwa 15 andere Autos, ein weiterer Vorteil dieser Reisezeit. Deshalb stehen uns auf dem Rückweg zum Camp viele Antilopen regelrecht im Weg und die Zeit wird plötzlich sehr knapp. Wir sind gezwungen, so schnell zu fahren wie es Sicht und Strasse erlauben, während wir regelrecht zuschauen können, wie die Sonne hinter den Bäumen verschwindet. Mit dem allerletzten Sonnenstrahl, der über den Horizont lugt fahren wir durch das Gate, wo die halbe Belegschaft schon darauf wartet, das Tor zu schliessen und Feierabend zu machen.

 

Gut gelaunt möchten wir unsere vielen Sichtungen feiern und wollen deshalb im Restaurant des Camps Dessert essen. Sogar hier, an einem Ort, der von Touristen seit Jahren täglich besucht wird, kann man afrikanische Komödien erleben: Wir sitzen im Garten des Restaurants, es hat vielleicht zehn Gäste und fünf Angestellte. Zum Dessert hat man die Wahl zwischen Fruchtsalat mit Eis, Schokoladenmousse und einem Amarula-Pudding. Daniela bestellt den Fruchtsalat, ich den Pudding. Nach zehn Minuten kommt der Kellner wieder und verkündet, dass Daniela wählen könne zwischen Vanilleeis, Schokoladeeis und einem dritten, dass er jetzt aber wieder vergessen hat. Wir helfen ihm etwas auf die Sprünge und Daniela kann ihren Fruchtsalat mit Erdbeereis bestellen. Nun dauert es wieder gute 20 Minuten, bis der Kellner wieder kommt und Daniela einen Fruchtsalat hinstellt, mit trotzdem Vanilleeis und mir – tatsächlich - einen Cäsarsalat serviert, ohne sich über die doch sehr unterschiedlichen Teller zu wundern. Während ich erneut auf mein Dessert warte und Daniela ihr Vanilleeis geniesst, kommt ein Typ mit Baseballkappe, Goldkette, Basketballshirt und breiten Hosen zu uns an den Tisch. Er fragt erst, wie es uns gehe und ob uns das Essen schmeckt. Wir antworten etwas zögerlich, es ist für uns offensichtlich, dass uns hier einer was andrehen möchte. Doch dann verabschiedet er sich und geht zum nächsten Tisch und zum Übernächsten und erst jetzt wird uns klar, dass dies der Manager des Restaurants ist. Während ich lache, weil ich mir vorstelle, wie ihm jemand mal gesagt hat, dass sich dieser Smalltalk in guten Restaurants wohl gehört, ohne ihn darauf hinzuweisen, dass er dabei mindestens so angemessen gekleidet sein sollte wie sein Personal, bekomme ich nun mein Dessert. Diesmal ist es statt Amarula-Pudding ein Kuchen mit Vanille-Sauce, aber ich mag nicht nochmals warten, ausserdem ist der Kuchen sehr lecker. Auf der Rechnung schlussendlich steht nochmals ein anderes Fantasie-Dessert, immerhin aber mit dem richtigen Preis. Natürlich sind wir ja nicht wegen der Restaurants in Afrika und uns amüsieren solche Geschichten mehr, als das wir uns darüber aufregen würden, trotzdem staunen wir manchmal Bauklötze über den gut gemeinten Service gerade an den gut besuchten Orten.

 

Abermals sind wir mit der aufgehenden Sonne fahrbereit und hoffen, so früh am morgen eine gute Ausbeute an Sichtungen zu erzielen. Wir biegen in entlegene Nebenrouten ein und suchen die Büsche und die Savanne aufmerksam nach Bewegungen, Formen und Farben ab. Als wir nach zwei Stunden aber kein einziges Tier sehen und die Sonne schon wieder ziemlich hoch steht, stellt sich etwas Ernüchterung ein. Tatsächlich dauert es ganze fünf Stunden, bis wir endlich wieder Antilopen und Giraffen entdecken. Und dann bin ich im Paradies: Auf einmal taucht eine riesige Herde Zebras vor uns auf. Wir können ganz langsam zwischen den Tieren durchfahren und immer mal wieder anhalten, um die vielen Fohlen zu beobachten. Obwohl nicht erlaubt, muss ich für ein paar Fotos einfach aussteigen und bin den Zebras so nahe wie noch nie. Plötzlich glaube ich ein Motorengeräusch zu hören und laufe schnell zurück zum Wagen. Kaum habe ich die Tür geschlossen, kommt ein Ranger-Fahrzeug um die Ecke und hält bei uns an. Wir unterhalten uns eine Weile und bekommen schliesslich einen Tipp, wo heute Löwen gesichtet worden sind. Dankbar fahren wir langsam entlang der ungefähr beschriebenen Stelle, bis Daniela in etwa 50 Metern Entfernung etwas Braunes unter einem Baum entdeckt. Wir schauen durch das Fernglas und halten es zuerst für einen Termitenhügel und wollen weiter fahren, als es sich der vermeintliche Termitenhügel plötzlich bewegt und sich als männlicher Löwe entpuppt. Mehr als ein Gähnen bietet uns der Löwe aber nicht, es ist im wohl zu heiss um diese Zeit. Wir speichern den Punkt im GPS-Empfänger und beschliessen, uns auch erst mal eine Abkühlung zu können. Die finden wir im nahegelegenen Namatoni Camp in Form eines kleinen Pools und plötzlich einsetzenden Regens, der aber ebenso bald wieder vorbei ist. Als die Luft etwas abkühlt, fahren wir nochmals an die Stelle wo wir den Löwen gesehen haben, können aber noch immer nicht mehr erkennen. Eigentlich wollen wir den König der Tiere nicht unnötig stören, aber ein kleines Stück reinfahren müssen wir dann trotzdem, um ihn mal ganz zu sehen und natürlich wollen wir auch ein gutes Foto schiessen. Der Löwe steht zwar kurz auf und trottet faul zum nächsten Baum, wo er sich neben einen anderen Löwen setzt. Ansonsten scheint ihn unsere Anwesenheit aber nicht zu stören, denn er legt sich gleich wieder hin. So können wir den Löwen in Ruhe beim Schlafen zusehen, trotzdem sind wir bereit, die Fenster nötigenfalls ganz zu schliessen. Seit einem Scheinangriff in Naankuse wissen wir, wie schnell so ein Löwe aus dieser Position auf den Beinen ist und in zwei Sprüngen vor einem steht. Nach zehn Minuten lassen wir die Löwen aber wieder alleine, wir wollen bei unserem kleinen Abstecher ja nicht unbedingt ertappt werden.

 

In der langsam einsetzenden Dämmerung umrunden wir noch die kleine Salzpfanne uns entdecken noch einige Antilopen, bevor wir in die Hauptstrasse einbiegen, die uns zum östlichen Gate des Parks führt. Als wolle sie uns noch verabschieden, tritt plötzlich eine Giraffe direkt vor uns auf die Strasse und zwingt uns zu einer Vollbremsung. Sie mustert uns kurz und läuft dann an uns vorbei, um hinter dem Auto die Strasse zu überqueren. Ihr Gesichtsausdruck erweckt den Anschein, als wäre die Giraffe genervt, dass wir gerade hier halten müssen, wo sie eigentlich entlang wollte. Nur ein Seufzer fehlt noch.

 

Etwas beschämt fahren wir weiter und verlassen den Park und ertappen noch vier Kudus, die ausserhalb ihrer Farm fressen und rasch wieder über den Zaun springen, als wir neben ihnen anhalten. In der Sachsenheim Lodge bekommen wir einen schönen Stellplatz und entschliessen uns spontan, uns am abendlichen Buffet für die Lodgegäste zu beteiligen. Da erreicht uns ganz überraschend eine SMS von Rika und Enrico, in der sie uns mitteilen, dass sie nun endlich von Angola aus in Namibia eingereist sind. Wir verabreden uns gleich für den nächsten Tag in Tsumeb und freuen uns darüber, dass wir uns mit einem Monat Verspätung immerhin noch kurz treffen können.

 

Aber das Wort «Verspätung» wird auf diesem Kontinent eigentlich nicht ausgesprochen.

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Kommentar von best | 27.02.2011

Natur pur. Solche Tiererlebnisse so gehäuft kann ich mir nur als ein wunderbares Erlebnis erahnen. Ahnungen sind für mich noch nicht Realitäten. Ich konnte mit diesen Berichten und Bildern jetzt schnuppern.
Bin ganz gespannt auf die nächsten Berichte.

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