Als Volunteer in Naankuse

02.01.2011 17:48 von Patrick (Kommentare: 1)

Wir schreiben heute den zweiten Tag im neuen Jahr und ich liege in der selben bequemen Hängematte in einem Backpacker-Haus in Windhuk wie drei Wochen zuvor. Mein Herz ist noch etwas schwer, vom Abschied bestimmt, aber auch, da dies die erste Gelegenheit ist, die gesammelten Eindrücke noch einmal für mich ganz allein zu verarbeiten. Die Zeit in Naankuse wird mir lange in Erinnerung bleiben, selten habe ich mich so lebendig gefühlt wie hier. Und ich glaube, diese Tatsache wird mich noch einige Male zum Denken anregen. Doch von vorne:

 

Nach einer entspannten Nacht in einem richtigen, wenn auch zu kleinen Bett, machen wir uns am 14. Dezember bald auf nach Naankuse, wo wir bis zum Ende des Jahres an einem Wildlife Conservation Projekt teilnehmen. Während wir die 40 Kilometer dorthin zurücklegen, diskutieren wir darüber, ob es klug war von uns, sich so weit im Voraus schon für ganze drei Wochen zu verpflichten. Es ist ziemlich heiss draussen und wir können uns kaum vorstellen, bald körperliche Arbeit zu leisten. Andererseits haben wir uns bei der Recherche damals viel Zeit genommen und uns erst nach einem kritischen Auswahlverfahren für den Einsatz in Naankuse entschieden.

 

Nach einer guten Stunde passieren wir das Gate des rund 3000 Hektaren grossen Geländes, auf der sich auch eine schmucke Lodge befindet. Die Erhaltung der Arten und nachhaltiger Ökotourismus gehen hier Hand in Hand. Das Volunteer-Areal ist gute fünf Kilometer von der Lodge entfernt. Man zeigt uns gleich unser Nachtlager: Ein neues, schönes Zelt auf einer Holzplattform, etwas hinter den Gebäuden gelegen. Im Innenzelt finden wir tatsächlich zwei genügend breite und weiche Einzelbetten, der einzige Luxus, auf den ich heimlich gehofft hatte.

 

Wir richten uns rasch im Zelt ein und treffen dann die anderen freiwillig Arbeitenden zusammen mit dem Leiterteam in der Muffin-Break. Gleich darauf werden wir auf die Fütterung der Fleischfresser (Carnivore Feeding) mitgenommen. Wir laden Fleisch  auf den Pickup, viel Fleisch und springen auf. Dann fahren wir von Gehege zu Gehege, um den Leoparden, Löwen und Geparden das Fleisch über den elektrischen Zaun zu werfen. Dabei sollte man möglichst keinen Fehler machen, ich habe den Eindruck, die Katzen fänden es nicht so lustig, wenn ich das Fleisch in die Höhe werfe und es dann wieder auf meiner Seite landet.

 

Die Gehege sind ziemlich gross, keines lässt sich von einem Ort aus überblicken. In Namibia müssen pro Wildkatze von Gesetztes wegen mindestens eine Hektare zur Verfügung stehen, was mit einem Zoo nichts gemein hat. Darüber hinaus hat jedes Tier hier eine Geschichte, einen Grund warum es hier ist. Es kann sich beispielsweise um ein Problemtier handeln, dass Schafe und Kühe auf Farmen reisst und deshalb normalerweise getötet würde. Die meisten Tiere hier werden aber wieder ausgewildert, sofern sie keine Gefahr für Menschen darstellen und aus eigener Kraft in natürlicher Umgebung überleben können.

 

Während der Fütterung staune ich darüber, wie gross und beeindruckend die Löwen sind und welch sanften Geräusche die Geparden machen. Die können nämlich mitleidserregender miauen als Omis Büsi. Dafür aber auch beeindruckend Fauchen, zugegeben.

 

Nachdem die Katzen gefüttert sind, fahren wie weiter zum Gehege von 14 jungen Wildhunden. Alle Volunteers und der Staff sind gemeinsamt hier, denn einer der Wildhunde ist verletzt und muss betäubt werden. Wie es mit den meisten verletzten Tieren aber so ist, hat sich dieser Wildhund von der Gruppe abgesondert und irgendwo versteckt. Ein Tier mit dem Gewehr zu betäuben ist auch hier etwas besonderes und Cila, unverwechselbare Leiterin des Staffteams, möchte die Aktion filmen. Sie fragt deshalb, ob jemand mit dem iPhone umgehen könne und natürlich melde ich mich sofort. Ich darf nun ins Gehege und bin fortan Rudis Schatten, folge dem mit Betäubungsgewehr ausgerüsteten Tierarzt auf Schritt und Tritt. Das Rudel der Wildhunde folgt uns eine Weile, versucht öfters sich von hinten an uns ranzuschleichen, doch mit einem Stock in der Hand lassen sie sich ziemlich gut kontrollieren. Wir streifen gut 20 Minuten durch das Gelände, ohne aber den Wildhund zu finden. Rudi warnt mich ziemlich beiläufig vor einer gefährlichen Schlange, die sich hier herumtreiben soll und ich versuche fortan zu erkennen, wo ich hintrete, was im dichten Gestrüpp aber nicht immer möglich ist. Als klar wird, dass wir den verletzten Wildhund alleine nicht finden können, holen wir die restlichen Volunteers zu Hilfe. Gemeinsam durchkämmen wir das grosse Gehege systematisch und eine Viertelstunde später haben wir eine Sichtung. Der Wildhund bewegt sich schnell und Rudi rennt hinterher. Ich beginne zu filmen und versuche Rudi dabei nicht aus den Augen zu verlieren, was mir nur knapp gelingt. Die erwähnte Schlange wird zur Nebensache, selbst wenn ich sie vor mir sähe, könnte ich wohl kaum mehr ausweichen. Der Wildhund ist geschickt, lange Zeit kann er sich einem Schuss immer wieder entziehen. Doch irgendwann bleibt er zu lange am selben Ort stehen und Rudi trifft sein Ziel aus gut 10 Metern Entfernung. Der verletzte Wildhund ist nun aber erst recht verängstigt und sucht sein Heil in der Flucht. Gut 15 Minuten wird es dauern, bis das Betäubungsmittel wirkt. Wir verfolgen ihn durch alle Büsche, verlieren ihn kurz und finden ihn dann wieder. Endlich legt er sich hin und wir warten auf den Moment, in dem wir ihn packen und zum Pickup tragen können. Rudi wickelt ihn halbwegs in eine Jacke und wir tragen ihn rasch zum Wagen, wo er dann aber plötzlich wieder aufwacht. Der Tierarzt ist gezwungen, ihm eine zweite Dosis zu verabreichen, während der Pickup schon anrollt. Dann braust der Wagen davon. Cila wirft mir die Wagenschlüssel zu, auf dass ich die Volunteers ins Camp zurückfahre. Charmant wie sie eben ist, begleitet von dem Kommentar: „Patrick, if you break this car, I’m gonna break your neck!“  Glücklicherweise darf ich meinen Kopf behalten, wir kommen heil im Camp an. Ich kassiere allerdings eine Beschwerde von einer älteren Mitfahrerin, da ich zu schnell durch eine tiefe Pfütze gefahren bin. Ja, sie hat schon recht, aber es war halt einfach zu verlockend.

 

Es ist nun schon ziemlich spät und wir füttern noch drei weitere Geparden, treiben die Hühner ins Gehege und räumen auf, als es zu regnen beginnt. Der erste richtige Regen in Afrika würde ich sagen, er hält nicht lange an, aber hinterlässt überall grosse Pfützen und Schlamm. Bei einem guten Abendessen mit Poulet, Reis und Gemüse lassen wir den Abend ausklingen. Die Küche mit den Steintischen und -Bänken und einer offenen Seite ist der Ort an dem wir essen, trinken und in den Pausen oder nach getaner Arbeit gemeinsam rumhängen.

 

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Am folgenden Tag sind wir beide in einer Gruppe mit einem französischen Pärchen und einer deutschen Frau eingeteilt. Die Gruppen bleiben grundsätzlich mehr oder weniger bestehen und sind einem von drei relativ festen Tagesabläufen zugeteilt, die täglich rotieren. «Food-Prep» ist mit der Fütterung aller Tiere beauftragt und auch mit kleineren Reinigungsaufgaben. Spazieren mit den Baby Baboons gehört oftmals auch noch ins Progrramm. «Caracal Walk» hat die schöne Aufgabe, erst mit den Wüstenluchsen zu spazieren, danach dasselbe mit den Pavianen und am Nachmittag Projektarbeit zu erledigen. Projektarbeit kann z.B. das zählen von Wildtieren mit dem Pickup oder das entfernen von Dornbüschen sein. Es kann aber auch heissen, ein Wasserloch voll mit Hühnerscheisse zu reinigen. Es hört sich aber schlimmer an, als es dann wirklich ist. Die Gruppe «Enclosure Patrol» schliesslich, hat sowohl den Grenzzaun zu kontrollieren (ca. 1,5 Stunden mit dem Wagen) und alle Tiergehege zu fuss abzulaufen und die Stromversorgung zu überprüfen, was mindestens zwei Stunden dauert. Gleich darauf findet der zweistündige Leopardenspaziergang statt, eine ganz aussergewöhnliche Aufgabe. Vermutlich ist dies der einzige Ort der Welt, an dem man die Raubkatzen als Volunteer in dieser Form erleben kann. Am Nachmittag werden dann dafür die Gehege der Farmtiere gereinigt, also die der Hasen, Hühner, Pferde usw.

 

Wir sind heute mit «Food-Prep» beauftragt, doch Daniela erhält noch eine Zusatzaufgabe: Sie wird den ganzen Tag auf Rudi aufpassen, den kleinsten der Baby Baboons. Das bedeutet, dass sie ihn ständig mit sich herum trägt, den Schoppen geben muss und kaum arbeiten kann, den der kleine hält sie ganz schön auf Trab. Wir anderen in der Gruppe zerkleinern derweil kistenweise Äpfel, Karotten, Melonen und was eben so da ist, um es dann mit einem gelben Maisbrei zu vermischen und grosse Kugeln zu formen. Es ist ein wenig, als würde man einen gigantischen Kuchen backen. Die Kugeln verfüttern wir dann den Baboons und den Schweinen. Für die anderen Tiere gibt es Früchte pur, Pellets, Fleisch oder warme Milch. Es ist ein wenig wie auf dem Bauernhof, nur mit etwas anderen Tieren. Die kleine Antilope bekommt einen Schoppen, die Erdmännchen grosse Stücke Pouletfleisch und Samira, eine Gepardin, erhält heute ein Stück Rind.

 

Am Nachmittag spazieren wir das erste mal mit den acht Baby Baboons, die mich aber vorerst alle ignorieren, weil sie sich vor mir fürchten. Nach einem kleinen Marsch setzten wir uns unter einem Baum in einem Kreis auf den Boden und lassen die Baboons spielen. Vor allem die weiblichen Volunteers werden von den Pavianen aber regelrecht belagert, die Haare werden gerne als Lianen verwendet. Daniela sieht schon ziemlich zerzaust aus und nicht nur Rudi hat auf ihr Shirt gepinkelt. Das einzige mal, als sich einer aus der wildern Horde auf meine Schultern setzt, pinkelt er ebenfalls und alles läuft schön den Rücken runter. Nun ja, es gehört halt wohl dazu. Am besten einfach ignorieren…

 

Um 19:00 Uhr darf Daniela ihren temporären Sprössling dann wieder abgeben, ein anderer Volunteer wird sich für die Nacht um ihn kümmern. Rudi und der andere kleine Baboon mit dem Namen Rafiki werden fast rund um die Uhr von Volunteers betreut und beim Abendessen rennen und klettern Sie in der Küche umher. Ich versuche mir Rafiki zum Freund zu machen aber er kommt immer nur bis auf einen Meter in meine Nähe, um mich dann laut anzuschreien und die Flucht zu ergreifen. Mehrere meiner Ideen ihm seine Angst zu nehmen schlagen fehl. Als ich dann zuletzt die Strategie verfolge, mich vor ihm zu erschrecken und vor ihm zu flüchten, verwirrt ihn das immer mehr, dafür ist es äusserst lustig. Egal, denke ich und gebe für heute auf. Er wird sich schon noch an mich gewöhnen. Daniela hat‘s ja auch geschafft!

 

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Unser erster «Caracal Walk» läuft etwas anders als geplant. Von den vier Caracals holen wir zwei aus dem Gehege und fahren mit ihnen zu einer einigermassen überschaubaren Ebene, wo auch die Wasserlöcher für die Wildtiere sind. Doch als die beiden Katzen aus dem Käfig runter vom Pickup springen, wittert die eine etwas und verschwindet im hohen Gras. Johannes, der Buschmann, der die Verantwortung über die Tiere hat, versucht die Katze während einer halben Stunde mit Rufen und Fleisch zurück zu locken, aber vergeblich. Glücklicherweise sind die beiden Katzen aber mit einem Peilsender ausgestattet. Wir holen die Antenne und machen uns auf die Suche. Ich bin mir nicht sicher, ob Johannes das schon einmal gemacht hat, denn zuerst laufen wir nur im Kreis herum. Wir beschliessen, die Frequenz erst mal auf die Katze einzustellen, die noch hier ist, um zu erkennen, wie das Gerät arbeitet. Das funktioniert immerhin und wir wissen, nach welchem Klicklaut wir lauschen müssen. Fast zwei Stunden laufe ich mit Johannes durch die Büsche und die Katze ändert immer wieder ihre Richtung. Mal scheint das Geräusch ganz nah, dann verliert es sich wieder. Ich finde die Suche unglaublich spannend und will die Katze unbedingt finden. Schliesslich können wir das Gebiet eingrenzen, doch sind wir nun viel zu weit vom Wagen entfernt, auf dem der benötigte Käfig ist. Also marschieren wir den ganzen Weg wieder zurück, holen den Wagen und die anderen Volunteers und fahren wieder dorthin, wo wir die Ausbrecherin vermuten. Wir tragen Käfig und Antenne in die Büsche, das Signal ist jetzt ganz deutlich, in alle Richtungen. Und dann sehe ich sie! Keine zwei Meter von mir liegt sie ganz still im Gras! Unglaublich, wie gut sich die Tiere im Gelände verstecken können. Ich flüstere Johannes zu, der ein Stück Fleisch vor die Katze wirft, sie dann packt und in den Käfig trägt. So bringen wie die Ausreisserin wieder zurück und füttern dann gleich alle vier. Viel zu spät kommen wir wieder im Camp an, aber ich bin überglücklich, denn so etwas wollte ich schon immer mal machen!

 

Unsere Projektarbeit diesen Nachmittag ist dafür weniger faszinierend, wir müssen altes Fleisch und Knochen auf einer Deponie entsorgen. Der Gestank ist unglaublich und der blutige, verweste Saft wird von den Kleidern aufgesogen, während wir die Kisten vom Auto laden. Glücklicherweise haben wir unweit der Küche einen Pool, den wir heute Abend mit Freuden zum ersten Mal benützen.

 

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An meinem 30. Geburtstag arbeiten wir für die «Enclosure Patrol». Wir ziehen mit dem Franzosen Gillaut zu dritt los und kontrollieren Gehege um Gehege. Ich liebe alle arbeiten hier, aber das kontrollieren der Gehege gefällt mir besonders. Du gehst nur zu weit oder zu dritt und kommst an allen Raubkatzen vorbei. Die meisten siehst du dann auch, du nimmst die verschiedenen Stimmungen wahr. Manchmal steht ein Löwe blitzschnell auf und rennt brüllend in zwei, drei riesigen Sätzen auf dich zu. Da macht das Herz schon mal einen kleinen Aussetzer. Die Leoparden hingegen begleiten dich oftmals entlang des Käfigs, während die Geparden entweder miauen oder fauchen. Neben den Tieren im Gehege sieht man während der Wanderung auch oft Warzenschweine, Antilopen und viele Vögel. Schlangen sind mir während der Patrouillen aber nie begegnet.

 

Unsere Aufgabe umfasst das Messen der Stromstärke an allen vier Seiten, Kontrolle des Zauns auf Schäden (ich habe mir immer das Gefühl vorgestellt, dass einem überkommen muss, wenn man entdecken würde, dass der Löwenzaun untergraben worden ist), Kontrolle der Tore und der Wasserlöcher. Entlang der meisten Zäune sind ausserdem weiss bemalte Büchsen aufgehängt, damit die Antilopen nicht aus Versehen in die Zäune rennen. Diese Büchsen müssen ebenfalls ersetzt oder wieder aufgehängt werden, wenn sie vom Wind weggeweht wurden. Alle Beobachtungen werden auf einer Liste notiert und dann zum Büro zurückgebracht.

 

Nach der Pause laden wir die grossen Käfige für die zwei Leoparden auf den Pickup, mit denen wir nun spazieren gehen. Shaun, der ehemalige Volunteer und hiesige Leopardenflüsterer, lockt die beiden Raubkatzen mit den schönen Namen Ombeli und Shakira in die Käfige. Wir fahren zur selben Ebene wie mit den Caracals, allerdings müssen wir erst alle Antilopen und Zebras in Sichtweite verscheuchen, bevor wir die Leoparden aus den Käfigen lassen können. Zur Sicherheit haben wir noch zwei kleine Hunde dabei, denn sollten die Leoparden mal aggressiv werden, töten sie zuerst die Hunde, so der Plan. Hoffentlich.

 

Die Leoparden folgen uns und sind je nach Hitze mehr oder weniger aktiv. Wir können die Leoparden kurz streicheln wenn sie von hinten an uns vorbeilaufen und sie sogar eine Weile am Schwanz halten und so wie an einer Leine ein Stück mit ihnen gehen. Doch wir müssen immer zusammen bleiben, auch wenn ein Leopard vielleicht mal nur spielen will, ist es für den Menschen sehr schnell sehr gefährlich. Während Geparden und Löwen zähmbar sind, kehrt die Wildheit bei Leoparden immer wieder zurück, je älter sie werden. Und diese beiden Leoparden sind eigentlich ausgewachsen.

 

Zurück beim Auto erhalte ich ein kleines Geburtstagsgeschenk. Shaun erklärt mir, wie ich den Leoparden packen soll. Ich warte auf sein Zeichen, dann hebe ich das 35-Kilo-Tier hoch und trage es zu seinem Käfig zurück! Wow! Ich strahle, als hätte ich Feuer gemacht!

 

Diese Nachmittag erhalten wir von Cila etwas verspätet die Einführung. Wir erfahren viel rund um das Projekt, die Ziele, die Organisationsstruktur usw. Ausserdem hören wir  die Geschichten der einzelnen Tiere auf Naankuse und man gibt uns noch einige Sicherheitshinweise auf den Weg. Wie wir uns gegenüber Schlangen uns Skorpionen verhalten sollen, aber auch was man in einem Gepardengehege tun darf und was nicht.

 

Dass die Warnungen mit den Schlangen und Skorpionen erst zu nehmen sind, erweist sich gleich in diesen Tagen. Unter dem Tisch in der Küche hat sich eine Puffotter versteckt, die zum Glück noch rechtzeitig entdeckt wurde, etwa einen Meter vom Fuss eines Volunteers entfernt. Ulli aus Deutschland hatte nicht so viel Glück und wurde von einem Skorpion gestochen, doch es handelte sich immerhin um ein weniger giftiges Exemplar.

Nach dem Abendessen schenken mir die Franzosen einen Amarula, Ulli hat noch vier Kerzchen dabei und ich bekomme Happy Birthday in unzähligen Sprachen zu hören. So hatte ich mir meinen 30. Geburtstag vorgestellt, umgeben von Natur, Tieren und paar lieben Menschen. Es ist so einfach, glücklich zu sein.

 

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Kaum haben Daniela und ich die drei verschiedenen Tagesabläufe je einmal mitgemacht, herrscht hier in Naankuse das grosse kommen und gehen. Für viele ist der Arbeitseinsatz jetzt zu Ende, dafür wollen andere ihren Weihnachtsurlaub hier verbringen. Wir werden beide zu Teamleadern ernannt, tragen nun also die Verantwortung und müssen die Arbeiten verteilen. Wir sind deshalb nicht mehr in der selben Gruppe, dafür haben wir uns abends viel zu erzählen.

 

Neben vielen jungen Leuten, mit denen wir uns auf Anhieb gut verstehen, sind auch zwei Grossfamilien eingetroffen. Bald wird aber klar, dass diese sich die Zeit hier anders, mehr als Urlaub vorgestellt hatten und dementsprechend ist ihre Arbeitseinstellung sehr dürftig. In meiner Gruppe beispielsweise sind wir zu acht, die Finger machen sich aber nur drei schmutzig. Klar, dass das bald für Spannungen sorgt, aber das beeindruckt Daniela und mich nicht. Wir haben so viel Freude an unserer Arbeit, wenn die anderen nicht wollen, ist das ihr eigenes Unglück. Ich finde übrigens, dass Daniela eine ausgezeichnete Teamleaderin ist und bin froh zu sehen, dass sie nicht nur mit mir so streng ist. Ich dagegen habe manchmal etwas Mühe, alles in englisch zu erklären, die verschiedenen Werkzeuge, das Futter usw. Aber am Ende des Tages ist die Arbeit dann doch erledigt.

 

Abends ist fortan mehr los, wir sind eine Gruppe von vielleicht 12 Leuten zwischen, sagen wir 17 und 40 Jahren und prüfen unsere Trinkfestigkeit immer mal wieder mit ausgefallenen Kartenspielen. Weil es gegen acht Uhr dunkel ist, zünden wir meist ein grosses Feuer an und verteidigen unsere Drinks vor den Insekten. Zuweilen artet es auch ein wenig aus, so dass sogar Sam, unser trinkfestes britisches Mitglied, sich mehr als nur einmal übergeben muss. Anfänglich sind die Frauen ziemlich in der Überzahl, was ich nicht unbedingt schade finde. Zum Glück kommen später aber noch zwei coole Holländer dazu und Daniela kann auch ein wenig fremd flirten. So wird es manchmal richtig spät, und es ist nicht so leicht, morgens um drei zurück zum Zelt zu finden und dabei noch allen Skorpionen aus dem Weg zu gehen. Aber wir sind doch jeden morgen pünktlich beim Morgenappell! Egal ob bei der Arbeit, im Pool oder abends am Feuer: Wir haben viel Spass und werden eine richtig zusammengeschweisste Truppe.

 

Neben den täglichen Routinearbeiten, die aber trotzdem immer wieder ein wenig anders sind, werden auch viele Extras geboten. Wer will, kann abends die beiden Babbons Rudi und Rafiki bei sich übernachten lassen (gut, das ist nicht immer ganz freiwillig). Auch wir werden eines Abends dazu eingeteilt. Die kleinen Baboons werden erst gebadet und dann gottseidank in zwei Windeln gesteckt, so dass man wenigstens ein Problem weniger hat in der Nacht. Da die Baboons sich vor mir fürchten, klettern Sie die ganze Nacht auf Daniela rum, während ich ziemlich gut schlafe. Daniela findet das nicht so toll und ich sage halt, was kann ich machen, ich habs ja versucht, die mögen mich einfach nicht. Beim Frühstück nach dieser Nacht, kommt auf einmal Rafiki angesprungen und versteckt sich bei mir. Von da an bin ich plötzlich einer seiner besten Freunde und Daniela findet das ziemlich fies, dass dies ausgerechnet erst jetzt geschieht.

 

Am 20. Dezember werden Daniela und ich für eine Nachtwache auf einem Turm eingeteilt. Wir werden mit dem Auto kurz vor Sonnenuntergang in die Nähe des Grenzzaunes gebracht und steigen auf den sechs oder sieben Meter hohen, schwankenden Holzturm. Unsere Aufgabe ist es, nach Wilderern Ausschau zu halten und auf eines der Lodgehäuser acht zu geben. Sollten wir Stimmen hören oder Lichter von Autos sehen, haben wir Alarm zu schlagen. Bei Sonnenaufgang wird man uns wieder abholen. Also organisieren wir uns in Schichten, zweieinhalb Stunden Schlaf, dann ebensolange Wache. In der Nacht wird es eiskalt auf dem Turm, wir sind trotz zwei Pullovern in je zwei Schlafsäcke gehüllt und es ist trotzdem nicht gerade warm. In der Nacht hören wir Leoparden und sehen direkt neben dem Turm zahlreiche Springböcke, die wild davon stürmen als wir sie bemerken. Sonst können wir aber keine besonderen Vorkommnisse melden und erst ein paar Tage später, erfahren wir, weshalb wir auch auf das eine Haus haben acht geben müssen.

 

Am gleichen Tag haben wir eine Eco-Challenge ausserhalb der Farm. Alle Volunteers werden in zwei Gruppen eingeteilt und müssen ein Quiz lösen, bestimmte Pflanzenteile sammeln und zu guter letzt mit einem Gewehr auf Dosen schiessen. Meine Gruppe beantwortet eine Frage falsch, dafür schiessen wir glatt durch drei Dosen (Knabenschiessen war doch zu was gut), während Danielas Gruppe nur eine trifft. Deshalb gewinnt jeder in unserer Gruppe….. einen Schlüsselanhänger! Aber es geht ja um die Ehre, hauptsächlich. Auch diese ganze Eco-Challenge hat einen Grund, der nicht nur im Spiel selber liegt…

 

Drei Tage später besucht mich Otto mit einem Freund, wir kennen uns aus meinem Schachklub. Er hatte mir eine E-Mail geschrieben, dass er am 23igsten nahe Windhuk sei und ich habe das Staff-Team gefragt, ob ein Besuch möglich wäre. So treffen wir uns also mittags und wir führen die beiden ein wenig herum. Auch eine Partie Schach muss natürlich sein, die ich leider verliere. Danach verabschieden wir uns und Otto und sein Freund fahren spontan in die Lodge hoch, weil sie noch einen Kaffee trinken wollen. Eine Stunde später bekomme ich einen kleinen Rüffel, da Otto dies nicht hätte tun dürfen. Ich frage halt, wo das Problem ist und nach einigen Ausflüchten sagt man mir, dass eine bestimmte Familie die ganze Lodge gebucht hat und keinen Besuch möchte.

 

In dem Moment denke ich noch an einen arabischen Ölscheich. Erst nach Weihnachten wird das Geheimnis gelüftet und erscheint dann auch auf der Titelseite der namibischen und sonstigen Tageszeitungen: Angelina Jolie und Brad Pitt samt ihren sechs Kindern haben ihren Weihnachtsurlaub hier verbracht. Sie sind ohne Security angereist, also haben wir im Turm Wache geschoben! Ich ärgere mich, dass ich nichts gemerkt habe. Da wäre ich doch zu gern schnell runter geklettert und zum Haus rüber gelaufen. Nur um zu sehen, ob Mrs. Smith auch ein hübsches Pyjama trägt. Ich werde Herrn Pitt aber bei Gelegenheit eine Rechnung schicken, weil ich auf seinen Hintern aufgepasst habe.

 

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An einem Sonntagnachmittag fragt mich Bas, einer der Mitarbeiter, ob ich Lust hätte mit ihm und den Buschmännern Fussball zu spielen. Natürlich bin ich dabei! Wir holen zwei von ihnen auf einem anderen Farmgelände ab, die restlichen wohnen unweit unseres Camps. Wir können trotz Weihnachtszeit zwei Teams mit je fünf Spielern bilden und in der heissen Mittagssonne spielen wir an. Die Jungs sind mit dem Ball technisch brillant, keine Frage. Nur spielen sie meistens etwas eigensinniger als wir es uns in Europa gewohnt sind. Aber sie stehen auch nicht nur vorne rum, sondern helfen auch in der Verteidigung aus. Ich versuche so gut mitzuhalten wie es geht, rutsche auf dem sandigen Boden aber ziemlich oft aus und schürfe mir das Knie auf. Ein Tor kann ich in den zweieinhalb Stunden ohne Pause (!) immerhin erzielen und mehrere verhindern. Am Ende gewinnen wir knapp, wie viel verstehe ich leider nicht, aber ich schätze so 18 zu 14. Die sind wirklich alle fussballverrückt hier und dank eines Sponsors konnten sie ganz günstig gute Fussballschuhe und Trikots kaufen. Nach dem Match bin ich total erledigt. Bas lädt mich zu sich auf ein Bier ein und wir plaudern fast zwei Stunden über Afrika und das Leben hier und in Europa.

 

Für weitere Action sorgt auch ein Paintball-Nachmittag. Zwar können wir aufgrund mangelnder Munition nur zu viert spielen, es macht aber trotzdem mächtig Spass. Das findet auch Sam, der mir während des Waffenstillstands aus zwei Metern Entfernung in den Rücken schiesst. Daniela und ich besiegen ihn dann lieber während des Matchs, in dem wir erst die junge Jessica eliminieren, die in ihrem leuchtend blauen Regenmantel eine tolle Zielscheibe abgibt und Sam dann einkreisen.

 

Die Wunden an meiner Schulter und in meinem Gesicht stammen aber übrigens weder vom Paintball, noch von einer Raubkatze oder einem Baboon. Dafür ist einzig und allein «Kick the can» verantwortlich, eine Art Versteckspiel, das wir bis zum Exzess spielen. Es gibt auf dem Gelände die tollsten Orte, sich zu verstecken: Zahlreiche Fahrzeuge, kratzende Dornbüsche, einen Schrottplatz, Container, die Gehege der Farmtiere etc. Ich will mich auf einem Containerdach flach hinlegen, als ich oben bin, merke ich aber, dass man mich problemlos sehen kann. Während die Suchenden schon näher kommen springe ich wieder runter und sehe auf dem Schrottplatz eine Badewanne. Ich stelle mir vor, mich in der nächsten Runde unter einer Badewanne zu verstecken und der Basis damit immer näher zu kommen. Wegen dieser Idee muss ich laut lachen und werde entdeckt. Ich versuche die Basis schneller zu erreichen und spurte los, stolpere aber über einen winzigen Baum und knalle voll auf die Fresse. Aber laut lachend!

 

Überhaupt haben wir einige Blessuren aufzuweisen. Daniela hat zahlreiche blaue Flecken von Baboonbissen, Paintballkugeln und Pool-Rugby, dazu verkratze Arme, weil ihr Team Dornbüsche entlang der Gehege entfernen muss. Pool-Rugby übrigens, ist eine ganz tolle Geschichte. Erfunden von Jack, einem amerikanischen Familienvater, den man sich etwa wie Chuck Norris vorstellen muss. Zu zwölft kämpfen wir im kleinen Pool darum, den Ball im gegnerischen Tor unterzubringen. Einzige Regel: Es gibt keine Regeln. Also wird gezogen, gehauen, gekniffen, unter Wasser gedrückt, die Augen verdeckt und zwischen die Beine getreten, bis der Ball endlich drin ist. Nach dem Spiel sind wir alle erledigt. Aber so was von fix und fertig!

 

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Der Sylvester ist unser aller grosser Abend. Gegen einen kleinen Unkostenbeitrag dürfen wir diesen in der Lodge verbringen, Transfer und Abendessen inklusive. Einzige Bedingung: Wir müssen uns als Filmstars verkleiden. Gar nicht so einfach, wenn man nur die ältesten Kleider dabei hat! Dafür ist um so mehr Kreativität gefragt und Daniela zeigt mal wieder, dass sie nicht nur Buchhalterin ist: Mit Draht bringt sie ihre Haare in Form von Pippi Langstrumpf, die Socken bemalt sie selber mit Filzstift. Auch Ron, der sich als Jack Sparrow verkleidet, überrascht mit einem kreativen Outfit. Mariko gibt eine wirklich heisse Pocahontas ab, während die kleine Jess als Kleopatra überzeugt. Ich lasse mein Gesicht mit Mehl bleichen, weil ich Robert Pattinson in einer Vampir-Rolle sein soll. Jedenfalls geben wir uns alle grosse Mühe und ich finde das Resultat super, zumal wir alle unter erschwerten Bedingungen operieren.

 

In der Lodge erhalten wir ein ausgezeichnetes Abendessen, bevor wir dann die Bar stürmen. Zuerst sind wir skeptisch, da wir denken, die Lodge wird sich ihren Alkohol wohl vergolden lassen. Aber als wir merken, dass ein doppelter Drink von egal was umgerechnet rund 3 Franken kostet, gibt es kein Halten mehr. Wir trinken und lachen und tanzen und trinken und feiern und trinken und flirten und lachen bis es plötzlich 12 Uhr ist und jemand den Champagner voll in mein Auge spritzt. Dann geht es einfach so weiter bis wir quasi aus der Lodge komplimentiert werden und open air zu unserem Camp zurück fahren. Fast alle fallen gleich ins Bett, Daniela, ich und die Holländer sind aber noch so aufgekratzt, dass wir unbedingt ein Feuer machen wollen. Da wir kein Holz mehr haben, verbrennen wir alles, was uns in die Finger kommt und gottseidank hat es geregnet, sonst hätten wir noch den Holzzaun verwendet. Irgendwann sehen wir dann aber ein, dass nichts mehr geht und es genug ist und fallen in einen kurzen Schlaf. Die Tiere müssen gefüttert werden, auch im neuen Jahr!

 

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Der Neujahrstag ist zugleich auch unser letzter Arbeitstag. Wir dürfen uns deshalb aussuchen, was wir machen wollen. Ich gehe auf die Raubkatzenfütterung, weil ich alles nochmals mit der grossen Videokamera festhalten will. Danach gehen wir gemeinsam nochmals auf einen Spaziergang mit den Leoparden, den ich ebenfalls filme. Es ist der beste unserer 5 Spaziergänge mit den Katzen. Weil es geregnet hat und jetzt kühl ist, sind die Leoparden sehr aktiv und das ganze ist nicht ungefährlich. Jess bekommt das kurz zu spüren, als ein Leopard sie am Bein festhält, zum Glück will er nur sanft spielen und Shaun ist gleich zur Stelle. Ich kann von den Tieren tolle Aufnahmen machen, auf einem Baum, im Wasser und beim ärgern der Hunde. Ja wirklich, der Leopard ärgert den Hund. Das ist so komisch, das kann ich nicht beschreiben, vielleicht ja mal als Videoclip zeigen.

 

Am Nachmittag werden Daniela und ich in die Lodge gebracht, wir nutzen ein Spezialangebot für die Volunteers. Wir können eine Übernachtung zum halben Preis buchen und haben dies im Voraus getan und als letzte Nacht reserviert. Die Lodge ist ziemlich neu und wirklich schön und trotzdem ist es jetzt komisch hier zu sein. Wir sind wieder allein, wir sind wieder Touristen und unsere Freunde sind unten im Camp. Hier gibt es ständig fliessendes Wasser, keine Stromausfälle, besseres Essen und so weiter. Aber irgendwie bin ich mit dem Luxus gerade überfordert, ich weiss nichts damit anzufangen. Ich glaube, ich bin traurig, weil wir diesen Ort, Naankuse, wieder verlassen müssen. Beim Abendessen reden wir lange über unsere Zeit hier, wie wir sie erlebt haben und beginnen uns auf einen neuen Abschnitt einzustellen.

 

Am nächsten Morgen werden wir wieder ins Camp gebracht und laden unsere Siebensachen in unser Auto. Wir müssen uns nun von allen verabschieden, für die meisten ist die Zeit hier aber in ein bis zwei Tagen ebenfalls zu Ende. Es ist besser zu gehen, als übrig zu bleiben. Das ist unser Trost. Daniela öffnet das Tor und wir fahren zum Main Gate. Statt hinten auf dem Pickup zu stehen, sitze ich nun wieder am Steuer.

 

Ich glaube, das habe ich am meisten geliebt: Da oben zu stehen, den Fahrtwind zu spüren und Ausschau zu halten. Nach Kudus und Springböcken, nach Warzenschweinen und Zebras, nach Giraffen, die ich nie entdecken konnte, aber die hinter dem nächsten Baum auf mich warten.

 

Ich weiss es.

 

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Kommentar von best | 14.01.2011

Glück? Glück! Glück!!!!! Gerade habe ich einen grossartigen Bereicht gelesen, der von Glück randvoll ist. Auf meiner Reise habe ich entdeckt, dass Glück nichts anderes ist als "jetzt". "Jetzt" ist immer das Glück. So bin ich bei meinen eigenen Gefühlen. Der ganze Bericht hat mich bewegt. Ich gratuliere Euch, dass Ihr diese Erlebnisse andern mitteilt.
Beste Grüsse nach Afrika.

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